Kölnische Rundschau 21.02.2009

60 Jahre Bundesrepublik - 60 Jahre Kölner Rosenmontagszug

Zoch im Wandel der Zeiten

60 Jahre wird die Bundesrepublik dieses Jahr alt. Vor 60 Jahren zog auch der erste Rosenmontagszug der Nachkriegszeit durch die Trümmer von Köln. Für die Menschen im Rheinland war es ein Neubeginn.

Jens Meifert blickt auf die Geschichte des Zuges - und hat dabei jede Menge über die Geschichte des Landes entdeckt.

Der Neuanfang: 1949 zieht zum ersten Mal nach dem Krieg wieder ein Rosenmontagszug durch Köln. Weil der Zoch bescheidene Ausmaße hat, gilt er nur als "Erweiterte Kappenfahrt". Die Zuschauer an den Straßen stehen auf Trümmerbergen. (Fotos: Felten, Lambertin, Wirtz, Stachowski, Dziedciz, Gauger, Ohlig)

1949

Karin Küster zieht in roten Stiefeln durch die zerstörte Stadt. Wo die plötzlich herkamen, weiß sie heute nicht mehr, aber wie schick sie als erstes Mariechen der Nachkriegszeit bei den Roten Funken aussah, das hat sie vor Augen: "Wenn man jung ist..." 23 Jahre alt war Karin Küster, die heute Jordans heißt, vor 60 Jahren.

Es schneit ein wenig an diesem 28. Februar, und vom Himmel regnet es Kamelle von lausiger Qualität. Rückstände aus den Walzen der Bonbonhersteller werden aufgekocht und an die Jecken verteilt. "Zucker pur", erinnert sich Hans Völler (82), langjähriger Literat der Blauen Funken. Mit Bändern umwickelte Tannenzweige müssen als Strüßjer herhalten.

"Die Leute standen auf den Trümmern, die als Tribünen genutzt wurden", sagt Völler, "sie froren, sie hatten nichts anzuziehen." Selbst Prinz Theo Röhrig war von beklagenswerter Gestalt. Offiziell galt der Zug nur als "Erweiterte Kappenfahrt". "Und doch", erinnert sich Jordans, "man sah in die Gesichter, und sie konnten wieder lachen. Manche haben uns den Saum der Gewänder geküsst, so glücklich waren sie, dass wir wieder da waren."

"Mer sinn widder do un dunn wat mer künne!" lautet das vielsagende Motto. 12 Wagen und 20 Gruppen sind dabei, vielleicht 1000 bis 1500 Teilnehmer. Der Zug startet am Neumarkt, über die Hohe Straße zum Dom, Friesenstraße, den Ring entlang bis zum Hahnentor. Getanzt wird zu Karl Berbuers "Trizonesien-Song", der ironischen Hymne auf die Besatzungszone. Ihr ist sogar ein eigener Wagen gewidmet (am Montag als Nachbau wieder im Zug) Und tatsächlich gibt es 1949 ein Stück Souveränität zu feiern, keine staatsrechtliche, aber mit der närrischen für die Kölner eine nicht minder wichtige. In der britischen Besatzungszone waren Karnevalssitzungen zuvor verboten gewesen.

"Dieser Rosenmontagszug war das Zeichen, dass der Karneval den Krieg überlebt hat", sagt Michael Euler-Schmidt, stellvertretender Leiter des Kölnischen Stadtmuseums. Vielleicht war der erste Zoch für die Kölner der wichtigste überhaupt. Es war ihr Neuanfang im Jahr 1949. "Sie hatten etwas Vertrautes zurück, ein Stück Heimat - der neuen Republik konnten sie ja noch nicht trauen."

50erJahre

Grau, noch nicht golden sind die Zeiten 1951. "Kölle e Dur un Moll" lautet das Motto des Zugs.

Aber man lernt die BRD kennen und merkt: Da wächst was. Es geht aufwärts im Land, die Wunden verheilen, langsam zwar, aber doch ist Vergnügen wieder möglich. Auch die Karnevalsgesellschaften wachsen, mit ihnen die Konkurrenz zwischen Ehrengardisten, Funken und Altstädtern sowie die Ansprüche, im Zug etwas darzustellen.

"1,2 Million huldigten dem närrischen Prinzen", titelt 1950 die Rundschau und schreibt: "Es waren keine Straßen mehr da, nur noch Schluchten in einem Gebirge von Menschen."

20 bis 30 Wagen machen in dieser Zeit den Zug aus. Noch werden sie von Pferden gezogen, ab Mitte der "goldenen 50er" von Traktoren. In den Motiven sind die Debatten der Nachkriegsjahre präsent: So wird Tünnes "entnazisiert" (1950) und bekommt eine Spritze "Demokratie" verabreicht. 1952 ist es die Wiederbewaffnung, verbunden mit der Frage: "Wer soll das bezahlen?" Ein Jahr später wird der erste Zug im noch jungen Fernsehfunk übertragen.

Lustige Soldaten: Das Thema Wiederbewaffnung geht diese Gruppe 1952 ausgesprochen locker an.

"Nüngzehnhundert Johr steiht uns Kölle am Ring", dichtet Fritz Weber, und in der Werbung klingt es: "Fastelovend mit vill Juchhei, Kabänes ist auch mit dabei." Die Republik macht sich also vorsichtig locker, im Rosenmontagszug gibt man sich keusch und brav: "Weißte wat, mer fahre in die Alpe" ist 1957 ein Wagen überschrieben. Die Deutschen entdecken neben Hüftschwung und Petticoat die Reise ins Ausland - Im Zug sitzt eine pralle Brünette frviol mit Strumpfband auf gepackten Koffern.

60erJahre

"Der Rosenmontagszug ist ein Abbild der gesellschaftlichen Verhältnisse", sagt Euler-Schmidt vom Stadtmuseum. Ein Spiegel des Zeitgeists, nur komme manches eben erst zeitverzögert an. Das gilt auch für die 60er Jahre: eine Phase der Beschleunigung, in der mit alten Nazis aufgeräumt und alte Werte abgestaubt werden. Auch im Zoch reizen Miniröcke, die Rosenmontagszeitungen gleichen Revolverblättchen, und die Beatles dürfen Pilzköpfe schütteln (1965).

Wir sind so frei: Minirock, tiefe Dekolletees und gelockerte Sitten kommen 1968 auch im Kölner Zug an.

Rock'n'Roll auf Kölns Straßen.

Das alles findet statt, aber letztlich bleibt der Zug wertkonservativ und lässt die Republik erst mal machen. Die Studentenunruhen sind eine Randnotiz (1968). "Es gab aber so etwas wie ein Aufbegehren gegen die Väter", sagt Euler-Schmidt. Thomas Liessem etwa, der schon vor dem Krieg die Narren regierte gibt 1964 den Vorsitz des Festkomitees ab.

Die Dekade prägt der Stolz auf die eigene Wirtschaftskraft: "Mer Weetschaffswunderkinder" lautet das Motto 1961, im gleichen Jahr wird "Stehauf-Ludwig" (Erhard) von Konrad Adenauer auf Trab gehalten.

Im Aufschwung: Wirtschaftsminister Ludwig Erhard ist einfach ein Pfundskerl (1961).

Anspielend auf Wuchermieten für Gastarbeiterzimmer heißt es 1966: "Ist das Zimmer noch so klein, fünf Türken gehen spielend rein." Auch die Wirtschaftskraft des Zuges wächst immer mehr. Und die Zeichner rücken der Politprominenz etwas mutiger zu Leibe: "Adenauer wurde immer sehr positiv dargestellt", sagt Matthias von der Bank, Leiter des Kölner Karnevalsmuseums, "Erhard war eher sein Punchingball."

Stolzer Ritter: Konrad Adenauer wird meist sehr positiv dargestellt.

70erJahre

Große politische Köpfe: Reizfigur Franz Josef Strauß, hier neben Karl Schiller, zählt zu den beliebtesten Motiven der Zeichner.

Das Urviech der deutschen Politik ist zweifellos Franz Josef Strauß. Ob als Elefant im Porzellanladen, als bayerischer Löwe oder Dompteur im Staatszirkus Bonn: "Strauß bot was, der erregte", sagt von der Bank, "da freute sich jeder Zeichner." Doch egal, ob Strauß, Brandt, Genscher oder Kohl: Sie alle konkurrieren mit Betrachtungen über die Heimatstadt wie den Dom und seine Umgebung ("Kölsche Betonie" auf der Domplatte, 1970)

"Der Zoch spiegelt die großen Themen der Zeit", sagt Euler-Schmidt, "aber mindestens genauso wichtig waren den Kölnern schon immer ihre eigenen Debatten." Und deshalb kann es der neue Charme der Fußgängerzone locker mit der Ostpolitik der sozialliberalen Koalition aufnehmen ("Kann denn Liebe Sünde sein").

Die gesellschaftlichen Weiterungen zeigen sich Anfang der 70er in Wagen wie "Wir sind alle Herrgottskinder", auf dem Hippies Joints rauchen und Kinder den Sexualkunde-Unterricht entdecken ("Schule der Liebe"). Und ganz neue Töne sind plötzlich zu vernehmen: Die Bläck Fööss mischen die Musikerszene im Karneval schon auf, die Höhner fangen gerade damit an.

Und natürlich Alice Schwarzer. Ihre Thesen zum Feminismus sind nicht mehr zu überhören - mit dem Kölner Rosenmontagszug dringen die Frauen in eine Männerdomäne vor. Nachdem sie einige Jahre "geduldet" werden, dürfen sie 1979 offiziell mitgehen. Und zwar, das ist neu - in Frauenkostümen.

80erJahre

Schon auf dem Chefsessel: Helmut Kohl löst Strauß 1983 als Schwergewicht ab.

Franz Wolfs Motto für einen guten Rosenmontagswagen ist schlicht und klar: "Der erste Eindruck muss ein lustiger sein." Der Zug soll Freude bereiten, "kölsch sein", aber nicht politisch bissig. "Ich wollte nicht, dass sich jemand am Zugweg ärgern muss." Wolf war Zugleiter von 1982 bis '88, und er sagt selbst, er wollte einfach gut unterhalten.

Gesellschaftlich waren die großen Schlachten geschlagen und in Mode und Musik Innovationen Mangelware. "Es war eine eher belanglose Zeit", sagt Marcus Leifeld, Historiker und künftig wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Abteilung Brauchtum des Stadtmuseums. Das gilt auch für die Zug-Motti: "Circus Colonia" oder "Kölle Alaaf. Colonia feiert Feste". "Das mediale Ereignis rückte immer mehr in den Mittelpunkt", sagt Leifeld. Das liegt an den langen Übertragungen, die üblich werden, aber auch an den Konsumgewohnheiten insgesamt - zunehmend von privaten Sendern beeinflusst. Mit 6500 Teilnehmern, 60 Fest- und Prunkwagen und 30 Millionen Mark Wirtschaftskraft in den wenigen Wochen der Session hat der Fasteleer Ausmaße angenommen, die man 20 Jahre später als "Mega-Event" bezeichnen würde.

Unpolitisch ist das Land nicht: Es gibt die Proteste gegen den Nato-Doppelbeschluss im Bonner Hofgarten, die Gründung der Grünen. All das zeigt sich auch im Zug, aber in sehr zurückhaltender Form. Umweltschutz und Weltfrieden werden in den Schull- und Veedelszöch beschworen. Die 68er basteln als Lehrer nun an Kostümen.

Auf den Wagen zeigt man die politisch wichtigen Köpfe: "Immer die Grauhaargorillas und alles, was die Yellow Press interessiert", sagt Euler-Schmidt. "Damit war man auf der sicheren Seite." Und dennoch klagt Festkomitee-Ehrenpräsident Ferdie Leisten beim Prinzenfrühstück 1983 bitterlich über den Mangel an Großfiguren, die schlechte Musik und unpassende Kostüme. "Das ist nicht mehr der weltberühmte Rosenmontagszug."

90erJahre

Proteste für Frieden, aber auch Lebensfreude gibt es 1991- statt eines Zuges.

"In Magdeburg gibt es höchstens am 1. Mai Umzüge." Die 20 Mitglieder des Domersleber Carneval Clubs (Sachsen-Anhalt) sind jeck vor Freude, in Köln mitgehen zu dürfen. 200 Besucher aus der DDR kommen 1990, staunen über die Stadtreinigung ("Das war ja im Nu alles weg") und freuten sich über die kölsche Gastfreundschaft nebst privater Unterbringung.

Ein Jahr später die Absage wegen des Golfkriegs: Heinz-Ludwig Busbach wird als Prinz um "seinen Zug" gebracht. Er sagt heute: "Es war für nix." Es sei mehr um die Entrüstung gegen die Amerikaner gegangen als um Kriegsschrecken. "Die Welt ist durch die Absage nicht besser oder schlechter geworden." Er erinnert sich, wie eine Reporterin fragte: "Wie können sie Karneval feiern, wenn am Golf Krieg herrscht?" Tief enttäuscht antwortete er: "Wie können die Krieg machen, wenn wir Karneval feiern?"

Busbach wird ein Jahr später halbwegs entschädigt, kann trotz eines platten Reifens ("Ich hab gedacht: Es soll nicht sein") in einem eigenen Wagen mitfahren. Die Absage ist aber auch Geburtsstunde für etwas Neues: Demonstranten und Karnevalisten ziehen bei dichtem Schneetreiben durch die Straßen. Die einen protestieren gegen den Krieg, die anderen für das Recht auf Lebensfreude. "Es fanden unter den Jecken ganz unterschiedliche Strömungen zueinander", sagt Euler-Schmidt. Das alles gipfelt in der Begegnung von "Stunker" Jürgen Becker (auf dem Traktor mit Sitzungsgefolgschaft) und Festkomitee-Chef Gisbert Brovot. "Gisbert, wo is' denn hier der Zochwech?" - Brovot weiß es auch nicht so genau.

Es entsteht so etwas wie eine neue integrative Dimension im Karneval. Zwar löst Brovot 1994 heftige Proteste aus, als er mit FK-Mütze zur Stunksitzung geht ("Ich wollte zeigen, dass sie dazugehören") aber vieles lässt sich nicht mehr aufhalten: Strömungen wie der Geisterzug oder die "Rosa Sitzung" finden ihren Platz im Karnevalskosmos. "Der Entzug 1991 hat Grenzen gesprengt", sagt Euler-Schmidt, "plötzlich erkannte man: Alle wollen doch den Zug und den Karneval."

Rote Socke, gut abgehangen: Oskar Lafontaine zeigt 1997 die Zeichen der Zeit.

2000erJahre

Gut gefönt: Gerhard Schröder wird wegen angeblicher Tönung 2003 dünnhäutig und klagefreudig.

Spätestens mit der Golfkriegsabsage entwickelt der Zoch auch mehr politischen Biss, wird frecher und unbequemer. Zugleiter Alexander von Chiari treibt diesen Trend voran, wohl wissend, dass "et kölsche Hätz" immer auch die Versöhnung, das Miteinander sucht. Auch Nachfolger Christoph Kuckelkorn pflegt dies ab 2006, allerdings noch entschiedener: Er lässt Angela Merkel als "Domina" politische Gegner einwickeln, korrupte Lokalpolitiker im Müll verschwinden und Schamhaare aus den Bikinihöschen sprießen. Der Zug wird lauter und frecher. Er rückt näher an den Zeitgeist.

Alles im Griff: "Domina" Angela Merkel gibt dem Michel 2006 die Peitsche. Die Macher des Zochs finden Spaß an der Provokation.

Und natürlich ist die Republik bunter und seit dem Sommermärchen auch ein gutes Stück unbefangener. "Es gibt heute ein anderes Bildverständnis", sagt Kuckelkorn. "Wir betreiben aber keine Effekthascherei, sondern legen den Finger in die Wunde." Wie in diesem Jahr mit einem "Guantanamo-Wagen". "Wunderbar" findet der Zugchef die Diskussion darum, und er erinnert, dass sich in 60 Jahren an einem nichts geändert habe: "Der Narr hat die Pflicht, der Gesellschaft und der Politik dem Spiegel vorzuhalten."

Das war's dann: Die Kehrmännchen fegen seit Jahrzehnten, wie hier 1953, hinterher.

Quelle: Kölnische Rundschau 21.02.2009


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