KStA 24.12.2007


Die Georgskapelle in der Bergheimer Innenstadt sollte zu einer Pfarrkirche hochgestuft werden, fanden die Bürger, die Anfang des 19. Jahrhunderts innerhalb der Stadtmauern lebten.

Hübsch, aber nicht gerade feurig

VON RALPH JANSEN

Bergheim - Weihnachten ist für viele Menschen heute echter Stress. Das war aber auch schon vor 200 Jahren so. Wie sahen die Bergheimer zur Franzosenzeit vor 200 Jahren aus, wie lebten sie und nicht zuletzt: Wie feierten sie Weihnachten? Diesen Fragen ging der "Kölner Stadt-Anzeiger" gemeinsam mit Stadtarchivar Heinz Andermahr nach.

Um sich ein Bild vom Aussehen der Menschen um 1800 machen zu können, hilft ein Bericht des französisches Ingenieurkartographen Etienne Nicolas Rousseau aus dem Jahr 1809 sehr. Laut Rousseau ist der Bergheimer "von guter, mittlerer Größe, gut gebaut, ohne besonders kräftig zu erscheinen". Dann wird der Ingenieur genauer: "Seine Gesichtszüge sind kühl und kündigen die Langsamkeit an, die er seinen Handlungen beimisst. Seine Haut ist recht schön."

Früh an die Arbeit

Das trifft nach Ansicht des Franzosen allerdings nicht auf die Bergheimer Frauen zu. Die seien "kräftig gebaut und haben wenig Grazie in ihrem Gebaren". Doch der Mann meint auch die Gründe dafür zu kennen: "Man muss sagen, dass die Ursachen dafür in der Arbeit liegen, die sie schon vor der Entwicklung ihrer körperlichen Kräfte leisten mussten."

Ein klein wenig vorteilhafter sieht es Kreisarzt Johann Georg Müller, der 1827 eine "preußische Bestandsaufnahme" des Kreises Bergheim verfasste: "Das weibliche Geschlecht hat hier größtenteils einen hübschen starken Wuchs und eine derbe Muskulatur. Wenn auch hier weniger hervorragende Schönheiten vorkommen, so gibt es doch viele des besagten Geschlechts, die sich durch eine recht hübsche und angenehme Gestalt auszeichnen." Doch auch der preußische Kreisarzt schränkt ein: "Große Lebhaftigkeit und viel Feuer sucht man bei beiden Geschlechtern hier vergebens." Dafür sei die Moral gut: "Im Ganzen sind sie friedliebend, gutmüthig, fleißig und sparsam; nicht lobenswerthe Ausnahmen kommen hier wie allenthalben vor."

Auch die Kleidung der Menschen im Bergheimer Raum beschreibt der Ingenieur: "Sie kleiden sich mit guten Stoffen, aber ohne großen Geschmack." Die Männer trugen nach Andermahrs Recherchen grob wollene Anzüge mit Kamisol, das sind Westen, mitunter auch schwere Lederhosen. Schuhe zog man nur an Feiertagen an, in der Woche musste bei den meisten der Holzschuh reichen. Diese "Klumpen" findet man noch heute auf der Kirmes. Die Frauen gewandeten sich in Jacken und Röcke aus weißer Baumwolle und Hauben aus Kattun (Baumwolle), Schleiernessel, Tüll oder auch Spitze. Am Hals trugen die Damen oft ein Kreuz, meist aus Blei oder Kupfer, reichere Frauen auch aus vergoldetem Silber oder echtem Gold. Zum Putz gehörten auch "Ohr-Eisen" aus Silber und Armreife aus Kupfer oder Eisen.

Weihnachten feierten diese braven Leute im katholisch dominierten Rheinland natürlich mit einem Kirchgang. Der war aber in Bergheim nicht leicht zu bewerkstelligen, denn die vornehmeren Städter, die etwa in der jetzigen Fußgängerzone gewohnt haben, seien nicht besonders angetan davon gewesen, in ihrem feinen Sonntagsstaat den ganzen morastigen Weg die Kirchstraße hinauf zur Remigius-Kirche zu laufen - und dort im ungeheizten romanischen Kirchenschiff neben dem gemeinen Bauernvolk aus dem Bergheimer Dorf und den umliegenden Weilern Platz zu nehmen, wie Andermahr berichtet: "Deshalb versuchten sie, für die Georgskapelle in der Innenstadt Kirchenrechte zu bekommen, um dort die Christmette feiern zu können."

Nach dem Kirchgang ging es dann wieder den Berg hinab in die Stadt. Das war besonders für die Frauen kein leichter Gang, denn groß in Mode waren damals "Korsetten, die mit Stahl und Holz versehen waren". Beliebt sei die Trichterform gewesen - eine echte Tortur, schimpft Kreisarzt Johann Georg Müller: "Das Korsett muss, wenn es den Erwartungen entsprechen soll, die Brüste bis bald ans Kinn treiben, den Leib so einpressen, dass er zum Umspannen schmal ist."

Der Weg in der Kälte durch den Wintermatsch wurde den Damen lang und schwer: "Außer Atem sind sie schon, wenn sie in ihrem Panzer eine Gasse lang gegen den Wind gegangen." Die Folge seien Beängstigungen, Schwindel, heftiges Herzklopfen und Brustbeklemmungen - bis hin zu Bluthusten und Blutungen aus der Nase, Krämpfe, Ohnmachten, Erbrechen, ja sogar Fehlgeburten und Missbildungen der Kinder gewesen, schildert der Arzt.

Als die Familie am heiligen Abend dann endlich in der guten Stube angelangt war, habe dort kein Tannenbaum und wohl auch kaum ein Adventskranz gestanden, weiß Andermahr. Geschmückte Tannenbäume waren damals noch nicht verbreitet. Dieser deutsche Weihnachtsbrauch breitete sich erst im Laufe des 19. Jahrhunderts über Deutschland und anschließend die ganze Welt aus.

Auch Musik gab es kaum. Nur wenige hätten damals ein Musikinstrument beherrscht, berichtet Andermahr: "Dazu waren die meisten zu arm. Sie haben wahrscheinlich die Kirchenlieder nachgesungen. Nur Akademiker konnten ihren Kindern Musikunterricht geben oder geben lassen." Auch Geschenke seien rar gewesen: "Vielleicht mal eines der hölzernen Brettspiele, vielleicht auch mal eine Holzpuppe oder selbst gestrickte Kleidung."

Die Nahrung zu jener Zeit bestand überwiegend aus Schinken, ein wenig geräuchertem Speck, Kartoffeln, Kohl und Karotten. Fleisch habe es aber nur an Sonn- oder Feiertagen gegeben, berichten Zeitzeugen - und das längst nicht bei allen. Schweinefleisch finde sich häufiger auf den Tellern, berichtet Kreisarzt Müller, aber: "Der dürftige Bauer kann sich nur an hohen Festtagen und zur Kirchenweihe eines Stückes Rindfleisch erfreuen, denn für ihn ist schon ein Stück Speck ein seltener Leckerbissen."

Gern in der Kneipe

Offenbar waren die männlichen Bewohner auch mehr den geistigen Getränken zugetan: "Die Männer trinken viel Bier und Kornschnaps, der gewöhnlich Schnick genannt wird. Sie treffen sich abends in den Schänken und verbringen dort alle Zeit, die sie nicht zur Arbeit brauchen", schrieb Rousseau nach Paris. Man sehe sie häufig beim Karten- oder Würfelspiel sowie dem Kegeln. So richtig beseelt seien die Erftländler, die fast alle in der Landwirtschaft tätig waren, denn auch von ihren Berufen nicht gewesen, fasst der Franzose zusammen: "Der Einwohner widmet sich seiner Arbeit mehr aus Pflichtgefühl denn aus Neigung. Er ist ein guter Bauer, aber er lebt in bestimmten Gewohnheiten."

Zu diesen Gewohnheiten zählte es auch, dass die reicheren Bergheimer innerhalb der Stadtmauern ihre armen Verwandten vom Lande zum Weihnachtsfest einluden. Weil aber noch keine Eisenbahn verkehrte und die einzige Verbindung zwischen Aachen, Jülich, Bergheim und Köln die Postkutsche gewesen sei, seien die Onkel, Tanten und Nichten oft zu Fuß aus Bedburg und den heutigen Bergheimer Stadtteilen zu Besuch gekommen und dann auch über Nacht geblieben.

In dieser Zeit sei der Begriff des "Schaaffegers" entstanden, erzählt Andermahr schmunzelnd. "Die Bürger aus dem Bergheimer Dorf kamen zu hohen Festtagen zu ihren Verwandten innerhalb der Stadtmauern, die wohlhabender waren und futterten dort die Vorratsschränke leer." Wenn der "Schaaf" (Schrank) dann leergefegt war, ging die liebe Verwandtschaft satt und rund wieder nach Hause.

Quelle: http://www.ksta.de - 24.12.2007



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